Rede zur Ausstellung: „Sans Souci“ im Haus der Kunst Nümbrecht (Kunstverein Nümbrecht)
Christof Knapp
Skulpturen und Installationen
17. Oktober – 07. November 2010
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich nehme einmal an, dass Sie sich
die Ausstellung schon ein bisschen angeschaut haben. Sie haben festgestellt,
dass der Künstler, Christof Knapp, mit Holz arbeitet, und dass er dabei Formen
entwickelt, die nichts direkt abbilden, aber fast immer an irgendetwas erinnern.
Da gibt es z.B. eine Sammlung von eher kleinen, einzelnen Elementen, die auf
einer Platte ausgebreitet sind. Sie ähneln sich untereinander, sie sind schmal
und lang, manche eher einfach und symmetrisch konstruiert, andere dagegen sehr
diffizil im Aufbau. Sie erinnern an Werkzeuge oder Maschinenteile, die
vielleicht bereitgelegt wurden, um damit zu arbeiten oder um sie zu etwas
größerem Ganzen zusammenzusetzen. Manche erinnern auch an Buchstaben. Man
könnte auch an ein unbekanntes Alphabet denken, in der Art der Hieroglyphen,
die sich ja auch von realen Gegenständen oder Dingen ableiten lassen. Diese
Analogien mit bekannten Dingen, ohne dass sich sagen ließe, welcher konkrete
Gegenstand hier zugrunde gelegt werden könnte, gibt den Formen eine besondere
Anschaulichkeit, eine Art Wesensverwandtschaft. Der Gedanke an Werkzeug hat
auch damit zu tun, dass sie ganz gut in die Hand passen würden. Man möchte
gerne danach greifen; sie haben etwas Griffiges, was zum Einen an den
reizvollen Formen liegt, zum Anderen am Material. Man möchte sie gerne in die
Hand nehmen, wie ein Stück Treibholz am Strand, das aufgrund der interessanten
Form und der angenehmen, glatt geschliffenen Oberfläche auffällt, so dass es
der Mühe Wert zu sein scheint, sich danach zu bücken und den Gegenstand
aufzuheben. Wie ein solches Fundstück möchte man diese Gegenstände hin- und
herdrehen, um die Form genau zu studieren. Auf der Platte abgelegt,
präsentieren sie nur eine Ansicht. Manche sind so gearbeitet, dass sie von
jeder Seite die gleiche Form haben, würden also, wenn man sie herumdreht, ihre
Form nicht wesentlich verändern, andere schon. Bei manchen ist klar, dass sich
Vorder- und Seitenansicht stark unterscheiden. Dennoch gibt es keine
komplizierte Konstruktion, sondern aus dem Holz werden „einfach“ die in ihm
steckenden Möglichkeiten herausgearbeitet. „Sans Souci“, wie der Titel sagt,
„Ohne Sorge“ oder „Ohne Zwang“, aber nicht ohne Sorgfalt, denn nur durch diesen
beherrschten Umgang mit dem Werkstoff kann dieser Eindruck von Mühelosigkeit und
Selbstverständlichkeit entstehen. Alle diese einzelnen Formen haben gemeinsam,
dass sie wenig kompakt, sondern eher leicht und fragil sind. Sie wirken weniger
wie Körper, sondern eher wie ein Gerüst oder ein Skelett, also die
Stützkonstruktion eines Körpers. Was den eigentlichen Körper ausmachen würde,
ist weggenommen worden. Aufgrund der äußeren Begrenzungen kann man davon
ausgehen, dass sie allesamt aus einem quaderförmigen Stück Holz herausgesägt
wurden. Bei keiner dieser Arbeiten der Ausstellung wird irgendetwas
zusammengeleimt oder –geschraubt. Daher scheint mir die Bezeichnung
„Fundstücke“ nicht unpassend: all diese Formen sind aus einem Holzkörper mit
der frei geführten Säge herausgeholt, frei gelegt worden. Dank dieser
Handarbeit ist das Ergebnis durch kleine Unregelmäßigkeiten geprägt, was
ebenfalls den natürlichen Charakter unterstreicht. Außerdem haben die feinen
Einschnitte und dünnen Holzwände zur Folge, dass das Holz sich im Laufe der
Zeit stark verändert und verzieht. Es kann sich sozusagen den eigenen
Spannungsverhältnissen entsprechend entfalten.
Die Form entsteht also durch das, was
fehlt, die Negativform, die weggenommen wurde. Sie wird größtenteils aus
linearen Elementen gebildet, aus schmalen Stegen, die einen Körper eher
umschreiben, als selbst Körper zu sein. Dieses lineare Prinzip zieht sich durch
die gesamte Ausstellung: Überall finden sich Flächen, die ein Volumen umfassen,
also Raum im Wesentlichen als Negativraum definieren. Die Formen dehnen sich
nicht von innen nach außen plastisch in den Raum aus, sondern umschreiben
linear einen leeren Innenraum. Es geht um die Beziehung zwischen Fläche und
Raum. Formal nähern wir uns hier dem Relief, weshalb die Wandarbeiten eine
wichtige Rolle spielen. Wieder bilden die technischen Möglichkeiten die Basis
für die Gestaltung: die Säge kommt mit Ecken und Kanten besser zurecht, als mit
Rundungen, und darauf baut Christof Knapps Formenvokabular auf.
Bei den grünen Wandarbeiten wird
dieses Spiel auf die Spitze getrieben, indem gerade besonders bizarre, durch
spitze Winkel, Ecken und Kanten charakterisierte Formen bevorzugt werden. Das
Ergebnis erinnert manchmal an Resträume zwischen einem Gewirr von Straßen auf
einem Stadtplan, oder an Vegetation, an gezackte Blätter oder in den Himmel
aufragende Bäume. Die hellgrüne Farbe erscheint jedenfalls passend, sie rücken
diese Wandarbeiten in die Nähe eines landschaftlichen Bezugs.
Bei einer anderen Gruppe tastet sich
die Säge sehr nahe an die Rundform heran: Zwar bestehen auch hier die Linien
aus Geraden, aber aus ganz kurzen, in stumpfem Winkel aneinandergesetzten
Stücken, die den Eindruck eines Bogens schon ganz gut imitieren. So kurz getaktet,
erscheint das Holz wie gerastert oder gepixelt. Wie bei einer zu grob
aufgelösten Fotografie sind die geometrischen Grundformen noch erkennbar. Der
Kontrast zwischen solchen, aus dem digitalen Milieu bekannten Phänomenen und
der stofflichen und haptischen Qualität des Holzes führt zu einer reizvollen
Spannung zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Ihre Werkstoffsichtigkeit
unterstreicht den Kontrast zwischen einem gegenständlichem, organischen Bezug
und der Abstraktion. Gerade wenn man diese kleinen, rundlichen, unregelmäßigen
Formen mit den strengen, aus stabilen MDF-Platten herausgesägten Arbeiten
vergleicht, sticht ihr anekdotisch-erzählerischer Habitus hervor. Dort
Symmetrie und Konzentrierung auf die geometrischen Grundformen, hier eine große
Vielfalt kleinteiliger, an konkrete Dinge erinnernde Formen.
Ganz anders wieder funktionieren die
Bodenstücke. Auch diese sind aus einem Block geschnitten, können aber jederzeit
wieder in die Stabilität des Blocks zurückgeführt werden. Bei diesen Arbeiten
wurde der Block „segmentiert“, d.h. die einzelnen Formen wurden Schicht um
Schicht abgeschält, so dass sie, von außen nach innen immer kleiner werdend,
sich selbst reproduzieren. Wie bei einer russischen Matrjoschka-Puppe spaltet
sich der Block in passgenaue Einzelteile auf, die keinerlei Materialverlust
entstehen lassen. Auch hier sind die einzelnen Körper dünne Hüllen, die aber
zusammengenommen ein kompaktes Volumen bilden. Wie eine Batterie komprimiert
die Arbeit in der geschlossenen Form ihre Energie, z.B. wenn sie zwischen den
Präsentationen irgendwo gelagert wird, um sie in der raumgreifenden
Installation frei im Raum zu entfalten. Es zeigt sich hier also eine
verblüffende Bandbreite zwischen kompakt und entfaltet, geschlossen und offen.
Die Variabilität der Präsentation passt sich den jeweiligen räumlichen
Gegebenheiten an.
Bei der großen Arbeit aus Lindenholz
wiederum wurde der Block aufgefächert in sehr dünne Blätter, die sich während
des Trocknungsprozesses verzogen haben, so dass der Eindruck einer natürlichen
Entfaltung wie bei einem Wachstumsprozess entsteht. Auch hier vergrößert der
Körper seine Oberfläche, indem er sich quasi in viele einzelne Flächen
aufsplittert und in den Raum eingreift, ein räumliches Volumen entfaltet. Ich
habe lange darüber nachgedacht, warum ausgerechnet in dem Medium, das sich der
Fläche verschrieben hat, in der Zeichnung, Christof Knapp nun zu plastischen
Formen findet, die in seinen Skulpturen nirgends auftauchen. Bis mir klar
wurde, dass die Leichtigkeit, die aus dem widerständigen Holz erst
herausgearbeitet werden muss, bei der Zeichnung schon als Voraussetzung
vorliegt, während die assoziative Kraft der Formen nur durch diese sehr
plastische Darstellung erreicht werden kann. Jedenfalls lässt sich kaum ein
größerer Reiz denken, als der Kontrast zwischen den bis zur papierdünnen
Leichtigkeit aufgelösten Holzkörper und der plastischen Präsenz dieser mit
schwarzem Graphitstift sehr kräftig und mit viel Druck holzschnittartig in das
Papier einprägten Zeichnungen.
Ich danke Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit.